»Normalerweise fahre ich in einem Stück nach Kroatien, so wie das Unfallopfer vermutlich auch.« Marco Sutalo kann bis heute nicht verstehen, was an diesem Abend auf der A3 passiert ist, warum sein »Autopilot« versagt hat, warum er sich davongemacht hat. »Ich bin der Erste, der sagt: So einen gleich einsperren.
| Spielbank | Jahr | Umsatz Alkohol (in €) | Anteil am Gesamtumsatz |
|---|---|---|---|
| Spielbank Bad Homburg | 2024 | 850.000 | 5,2% |
| Spielbank Berlin | 2024 | 1.450.000 | 4,1% |
| Spielbank Wiesbaden | 2024 | 720.000 | 4,8% |
| Spielbank Köln | 2024 | 520.000 | 3,9% |
Seine Frau kommt ins Anwaltsbüro, sie will ihn mit dem Auto abholen, nach dem Unfall hat er seinen Führerschein freiwillig abgegeben. Wir vereinbaren, mit ihnen ins Casino nach Wiesbaden zu fahren, wo alles begann. Im dem weißen Audi A6 quattro, der vor der Kanzlei parkt, riecht es noch nach Neuwagen. Sutalo hat ihn erst kürzlich gekauft, von seinem Jackpot-Gewinn.
Den Rest des Jackpots, 14 242 Euro, lässt er als Trinkgeld für die Angestellten des Casinos da. Seine Frau und sein Sohn sind bei ihm, er hat sie nach dem Gewinn sofort angerufen. Und er will niemandem mehr etwas schuldig sein. Als Erstes fahren die drei zu Marco Sutalos Mutter nach Frankfurt. Sutalo fährt nicht selbst, er weiß, dass er getrunken hat, vielleicht weitertrinken wird.
Sutalos Eltern hatten immer von einem Häuschen und einem Boot in Kroatien geträumt. Er muss jetzt nicht mehr auf ihn warten. Seiner Mutter schenkt er 10 000 Euro. Anschließend machen die Sutalos Halt an der »Trinkhalle«, wie er den Stehkiosk seiner Freundin Doris nennt; ein kleines Häuschen mit Klinkerfassade in Fechenheim, wo er groß geworden ist. Es gibt hier Zigaretten, Bier, aber auch Konservensuppen zu kaufen.
An einer Wand hängt ein Schal mit der Aufschrift: »Scheiß OFC«, gemeint sind die Kickers Offenbach. Marco Sutalo kennt Doris seit fast 30 Jahren, war mit ihrem Mann in einer Klasse und ist Stammgast bei ihr. Sie trinken einen Kaffee und Marko begleicht die offenen Rechnungen seiner beiden engsten Mitarbeiter, die hier ganz in der Nähe wohnen. Insgesamt sind es mehr als 1800 Euro, die sich in den letzten Monaten angesammelt haben, auch weil Sutalo sie nicht ausbezahlen konnte. Als sie ihn fragt, woher er das Geld hat, grinst er nur. Die Autobahn führt am Frankfurter Flughafen vorbei, er zeigt auf einen riesigen ovalen Geschäfts- und Hotelkomplex: »Auch da habe ich die Elektronik verlegt«, sagt er.
Erst mal heim nach Wiesbaden, wo sich seine Frau und sein Sohn ins Bett legen. Doch obwohl es mittlerweile acht Uhr morgens ist, kann Marco Sutalo an Schlaf noch nicht denken. Er steigt nun allein in seinen silberfarbenen VW Touareg ein und fährt 130 Kilometer bis nach Homburg an der französischen Grenze, zu einer Baustelle, wo er die beiden Mitarbeiter abholt, deren Rechnungen er am Morgen bei Doris beglichen hat. Zu einem sagt er: »Auf der Baustelle können mich alle am Arsch lecken.« Sie fahren zurück nach Frankfurt, an einer Tankstelle halten sie und kaufen Bier und Wodkafläschchen. Gegen Mittag tauchen sie bei Doris am Kiosk auf.
Er selbst trinkt ihn am liebsten gemischt mit Red Bull. Dafür öffnet er eine Dose, trinkt einen Schluck ab und füllt mit einem Fläschchen Moskovskaya auf. Marco Sutalo will es jetzt noch einmal wissen. Was bei ihm manchmal das Gleiche ist, denn abschalten kann er am besten beim Glücksspiel. Er fährt zu einem Automatencasino in Bad Homburg, ganz in der Nähe, in Oberursel, wohnt ein Freund von ihm, dem er noch 5000 Euro schuldet, und den er später noch besuchen will.
Im Casino bestellt er ein paar Gläser Rotwein, nippt aber an jedem nur, wie der Kellner später aussagen wird. Kaum zu glauben, aber er gewinnt noch einmal 13 000 Euro. Auf dem Klo bietet ihm jemand Kokain an. Er fliegt immer noch, obwohl er seit rund 35 Stunden nicht geschlafen hat. Gegen 17 Uhr kreuzt er bei seinem Freund auf und gibt ihm statt 5000 Euro 6000 zurück. Zurzeit arbeitet er für die Firma seines 18-jährigen Sohnes, auch der macht Elektroinstallationen.
Sieben Wochen sitzt er in Untersuchungshaft, bis man ihn nach Hause lässt, weil die Staatsanwaltschaft nicht mehr von Vorsatz, also von Mord ausgeht, sondern von fahrlässiger Tötung. Die Frage ist: Wie geht er selbst mit dem Unfall um? Mit der Tatsache, dass er einen Menschen getötet hat? Im Büro seines Anwalts rutscht Marco Sutalo bei dieser Frage auf seinem Stuhl hin und her, noch eine Zigarette, diesmal keine Marlboro, sondern eine Selbstgedrehte. »Das habe ich im Gefängnis gelernt«, sagt er, lächelt kurz, und wird wieder ernst: »Es war keine Absicht«, sagt er. »Ich bin gerade dabei, neue Aufträge für uns zu akquirieren«, sagt Marco Sutalo. »Es muss ja irgendwie weitergehen im Leben.« Im Radio läuft: »Ich düse, düse, düse, düse im Sauseschritt.« Kurz vor Wiesbaden bittet er seine Frau noch ein Stück weiterzufahren, die A3 hoch Richtung Niedernhausen, er will zeigen, wo es geendet hat, doch kurz vor dem Unfallort entscheidet er sich dann doch anders, wischt sich mit der Hand übers Gesicht, zündet sich eine Zigarette an; seine Frau fährt von der Autobahn ab. Die restlichen Kilometer nach Wiesbaden schweigt er. Sein Anwalt wird in einem späteren Gespräch sagen: »Der Marco hat sich der Situation noch nicht gestellt, bei ihm findet eine große Verdrängung statt.« Der Mann, den er getötet hat, liegt in Kroatien begraben. Marta Radosovic hat ihren Ehemann in der alten Heimat beigesetzt. Über den Unfall kann sie auch ein Jahr später noch nicht sprechen. Sie fährt kaum noch Auto, wenn ihr ein Wagen entgegenkommt, schießt die Panik in ihr hoch. Und es schmerzt sie, dass Marco Sutalo sich noch nicht bei ihr gemeldet hat, kein Brief, keine Entschuldigung.
Womöglich wird sich das nie mehr klären können. In der Unfallmedizin spricht man von anterograder Amnesie, wenn Unfallopfer nach einem Trauma Gedächtnisverluste erleiden. Seine Erinnerung an die Unfallnacht setzt erst wieder am Sonntagmorgen ein, als er bei einem seiner beiden Mitarbeiter auf der Couch aufwacht – in Frankfurt. Gegen fünf Uhr früh sei er dort aufgetaucht, ziemlich betrunken, erzählt ihm sein Mitarbeiter. Sutalos Hose ist bis zum Knie mit Dreck verkrustet.
Sein Oberkörper schmerzt, die Ärzte werden später ein gebrochenes Brustbein, sechs gebrochene Rippen und ein Schädel-Hirn-Trauma feststellen. Er muss jetzt ahnen, dass etwas Furchtbares geschehen ist. Er ruft seinen Anwalt an, der schaut im Internet, liest von dem tödlichen Geisterfahrerunfall auf der A3 cas beste online casino ohne umsatzbedingungen und rät Sutalo, zur Polizei zu gehen. Um 11.35 Uhr betritt er das 7. Polizeirevier in Frankfurt-Fechenheim und sagt zu den Beamten: »Es kann sein, dass ich einen Unfall verursacht habe.« Er wird in ein Krankenhaus gebracht und dann ins Gefängnis. Marco Sutalo sagt: »Es tut mir so leid um die Familie. Ich habe Schuldgefühle, und ich will mich auch entschuldigen, aber ich finde einfach keine Worte.
Ich weiß nicht, wie ich an die Leute herantreten soll. Und ich habe Angst, dass mir die Witwe nicht glaubt.« Er will einen Brief schreiben.
Die beiden stoßen an, wieder mit Rotwein. Auf der Toilette schnupft Sutalo noch ein bisschen Koks. Als er schließlich nach Hause fahren will, rät ihm sein Freund, ein Taxi zu rufen. Aber Sutalo lacht nur: »Ich habe doch einen Autopiloten.« Es sind etwa 45 Kilometer bis zu seiner Wohnung in Wiesbaden, Landstraße, er kennt die Gegend, doch kurz vor der Stadt fährt er merkwürdigerweise auf die A3 Richtung Köln. Was dann passiert, hat ein Augenzeuge der Polizei geschildert: Im Bereich Niedernhausen bemerkt der Zeuge ein Auto, das blinkend auf dem rechten Seitenstreifen langsamer wird, plötzlich links ausschert, einen Bogen auf die Überholspur macht und in falscher Richtung davonrast.
Offensichtlich will Marco Sutalo seinen Irrtum korrigieren und wieder zurück auf die Landstraße. Dass er auf einer Autobahn ist, als Geisterfahrer, will er nicht gemerkt haben. In seiner Vernehmung wird er später sagen: »Ich habe nicht verstanden, warum mir plötzlich einer entgegenkommt.« Er will noch ausweichen, doch es ist zu spät: Er kracht frontal in den schwarzen 5er-BMW von Ante Radosovic, rammt danach noch ein zweites Auto. Insgesamt sind fünf Fahrzeuge am Unfall beteiligt, sechs Menschen werden verletzt, Ante Radosovic stirbt. Und Marco Sutalo macht sich aus dem Staub.
Doch daran hat er keine Erinnerung, beteuert er. Seine Flucht lässt sich deshalb nur schwer rekonstruieren. Eine Zeugin gibt später an, um halb eins, als sie im Unfallstau stand, einen Mann mit Rucksack gesehen zu haben, der auf dem Seitenstreifen entlangging. Weitere Zeugen gibt es nicht, auch keine Aufzeichnungen von Überwachungskameras. Oder konnte es Marco Sutalo vielleicht einfach nicht ertragen, dass der größte Tag in seinem Leben so bitter enden sollte? Ich habe die Firma meines Sohnes saniert, dass man wieder richtig arbeiten kann.« »Ich denke oft, dass alles besser so wie vor dem Jackpot wäre.« Der Prozess gegen ihn wird voraussichtlich erst im Sommer 2013 beginnen. Eine Gutachterin hat ihm inzwischen eine eingeschränkte Schuldfähigkeit attestiert, sprich: Sutalo wusste offenbar kurz vor dem Unfall nicht, was er tat. Er war wohl zu betrunken, hatte zu viel gekokst in dieser Nacht, auch wenn die Polizei bei seiner Festnahme am nächsten Tag keinen Alkohol mehr in seinem Blut nachweisen konnte, nur das Kokain. Ins Casino geht Marco Sutalo immer noch ab und zu. Als hoffe er darauf, dass das Glück irgendwann zurückkommt. Christoph Cadenbach und Thomas Bärnthaler haben bei ihren Recherchen natürlich auch Kontakt mit der Witwe des Unfallopfers aufgenommen, hatten aber vollstes Verständnis dafür, dass diese auch ein Jahr nach dem Unfall noch nicht in der Lage war, ausführlich darüber zu sprechen.
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